Bookmark and Share

   

 

Gäste im Gemeindehaus Bürbach

 

Vielleicht haben es schon einige gemerkt. Sonntags verwandelt sich das Ortsbild in Bürbach um die Mittagszeit.

Dann zieht eine Gruppe junger Leute aus dem Unterdorf ins Gemeindehaus. Gebürtige Bürbacher sind es nicht. Das sieht man an der Hautfarbe und an der Kleidung der Frauen. Es sind Eritreer.

 

Einen Krieg wie in Syrien oder im Irak gibt es zwar nicht. Doch die Lage in dem ostafrikanischen Staat ist für viele Einwohner unerträglich. Die Eritreische Volksbefreiungsfront (EPLF), die das Land 1993 in die Unabhängigkeit führte, regiert das Land bis heute mit eiserner Faust.

Meinungs- und Pressefreiheit existieren nicht. Journalisten und Oppositionelle müssen jederzeit damit rechnen, verhaftet und ohne Anklage interniert zu werden. Zahlreiche Kritiker und Gegner des Regimes verschwanden bereits spurlos.

Junge Männer haben überdies das Problem, dass sie nach dem 18. Lebensjahr zum Militärdienst eingezogen werden – und das potentiell ohne zeitliche Begrenzung. Dabei ist unklar, wo sie eingesetzt werden und zu welchem Zweck. Den Betroffenen ist es deshalb oft nicht möglich, eine Familie aufzubauen.

Etwa die Hälfte der Eritreer sind orthodoxe Christen, die andere Hälfte sunnitische Muslime.

Die Regierung fürchtet ständig, dass Äthiopien danach strebt, das Land wieder zurück zu erobern. Das Ergebnis ist, dass die Regierenden jeden unterdrücken, gefangen setzen und foltern, den sie als Bedrohung für den Staat ansehen, und das schließt Christen ein, die nicht registrierte orthodoxe, lutherische oder katholische Kirchen besuchen.

Unsere Gäste in Bürbach gehören der orthodoxen eritreischen Kirche an und feiern in der Regel sonntags nachmittags ihre Gottesdienste bei uns. Sie hat in Eritrea rund 2 Mill. Mitglieder.

Die Frauen tragen weiße Gewänder und Kopftücher oder Schleier. Viele der Männer haben ebenfalls ein weißes Tuch um die Schultern. Alle ziehen ihre Schuhe aus, bevor sie den Gottesdienstraum betreten. Fremdartiger Gesang ist Bestandteil des Gottesdienstes.

Es hat an anderen Orten schon Missverständnisse gegeben, weil man die Leute für Muslime hielt.

Die eritreisch orthodoxe Kirche gehört zu den altorientalischen Kirchen, deren Wurzeln bis in frühe Zeiten der Christenheit gehen, bis zu den Kopten, die es heute noch in Ägypten gibt.

Vieles ist uns fremd. So hat beispielsweise der eritreische Kalender 13 Monate. Davon haben zwölf Monate 30 Tage. Der 13. Monat ist ein Schaltmonat und dauert fünf bzw. sechs Tage.

Der Jahresbeginn (Enkutatash) fällt immer auf den 11. September bzw. vor einem Schaltjahr auf den 12. September.

Schätzungsweise leben z. Zt. 30.000 eritreische Flüchtlinge in Deutsch-land, teilweise schon seit den 90er Jahren. 90% sind orthodoxe Christen. Ihr Gottesdienst, ihre Liturgie ist für sie ein Stück Heimat in einem für sie fremden Land.

Zu den Schafen zu seiner rechten sagt Jesus im großen Weltgerichtsgleichnis: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“

Gerhard Utsch

 

Fremde sind Freunde,
die man nur noch nicht kennengelernt hat.